Rund 10000 Steinbauten der Nuraghe-Kultur soll es auf Sardinien geben. Einen der größten, „Su Nuraxi“, will Claudio Ollanu nördlich von Cagliari bei Gergei nachbauen, auch wenn ihn deswegen alle für verrückt halten.

 

So soll sie aussehen, seine Nuraghe. Stolz präsentiert Claudio Ollanu in Gergei seinen Entwurf.

So soll sie aussehen, seine Nuraghe. Stolz präsentiert Claudio Ollanu in Gergei seinen Entwurf.

Der Name, den Claudio Ollanu seiner Azienda Agricola gegeben hat, ist Programm. Is Perdas,  „Die Steine“, nennt sich das Gästehaus nahe dem kleinen Dorf Gergei, knapp zwei Autostunden nördlich von Cagliari. Einsam liegt das flach gestreckte Anwesen in der sanften Hügellandschaft, geprägt durch Weizenfelder, Olivenbäume und Weingärten. Kaum ein Laut dringt in der Nacht hinauf in das neu erbaute Haus, höchstens der Wind streicht durch die Bäume und sorgt für ein leichtes Rauschen. Aus den Gassen zwischen den spärlich erleuchteten Häusern dringt von Zeit zu Zeit Hundegebell nach oben, wie um zu zeigen, dass die Gäste nicht die einzigen Lebewesen im Tal sind.

Der Blick vom Landgut "Is Perdas" auf das Dorf Gergei und die Marmilla. Die Landschaft ist nach der weiblichen Brust benannt.

Der Blick vom Landgut „Is Perdas“ auf das Dorf Gergei und die Marmilla. Die Landschaft ist nach der weiblichen Brust benannt.

Hier, ausgerechnet hier, wohin es nur die Neugierigen unter den Touristen verschlägt, hier will Claudio Ollanu ein Mammut-Projekt verwirklichen: die Nachbildung einer Wohn-Festung, einer Nuraghe, wie sie vor etwa 3500 Jahren in Sardinien entstanden sind, aus schwerem Basalt, aufeinander gestapelt zu bis zu 20 Meter hohen Türmen, so dass im Inneren Räume entstehen, für Wohnungen oder zu Kultzwecken, mit welchen Mitteln und Geräten, man weiß es bis heute nicht. Mit Stolz präsentiert er seinen Gästen die Zeichnungen und Pläne, die unter einer Glasplatte, montiert auf einem alten Fuhrwerk, im Frühstückssaal ausgestellt sind.

Die Marmilla im Abendlicht.

Die Marmilla im Abendlicht.

Dass ihn viele deswegen für einen Spinner halten, das ist Claudio Ollanu bewusst, aber das stört den studierten Finanzwissenschaftler und ehemaligen Offizier der Luftwaffe nicht. Die Archäologen, die lokalen Behörden, die Tourismus-Fachleute, die Beamten im Kulturministerium, die Denkmalschützer, „sie alle haben Zeit gebraucht, um das Projekt zu verstehen“, sagt er. „Ich weiß, dass sie mich für verrückt halten.“

Vor dem Grill über offenem Feuer ist der Tisch zum Abendessen gedeckt.n.

Vor dem Grill über offenem Feuer ist der Tisch zum Abendessen gedeckt.

Rund 10.000 Nuraghe soll es verteilt über die ganze Insel auf Sardinien geben, längst nicht alle sind entdeckt oder gar erforscht. Selbst auf dem Hügel direkt neben dem Land-Gasthof vermutet Ollanu einen der Steinbauten, die etwa ab dem 14. Jahrhundert v. Chr. nach und nach entstanden sind. Sie alle seien der Beweis, „dass es funktioniert“, dass der Steinhaufen hält und nicht in sich zusammenbricht. Warum also sollte er es nicht auch schaffen?  Dabei ist Ollanu nicht einmal schlüssig, wie er vorgehen will, schließlich weiß auch niemand, wie die Sarden der Bronzezeit die Steine aus der Giara, der aus vulkanischem Basalt geformten nahen Hochebene, über viele Kilometer hinweg zu ihrer Baustelle brachten und dort aufschichteten. Nur eins ist schon sicher: „Ich brauche 5000 Kubikmeter Steine“, hat er ausgerechnet, soviel wie für das Landgasthaus und die gesamte Anlage bewegt worden sind.

Nach Sonnenuntergang erstrahlt der Himmel für Minuten in gelb-roten Tönen.

Nach Sonnenuntergang erstrahlt der Himmel für Minuten in gelb-roten Tönen.

Im Mai kommenden Jahres will er das Projekt der Öffentlichkeit präsentieren, „damit niemand mehr sagen kann, das geht nicht.“ Fünf bis sechs entschlossene Helfer sollten reichen, um den Nuraghe-Nachbau danach in den nächsten beiden Jahren zu verwirklichen. Der Platz hinter „Is Perdas“, wo die gigantische mehrtürmige Steinburg später einmal stehen soll, ist bereits eingeebnet. Auch einige Hütten stehen schon, wie sie aus der Nuraghe-Kultur überliefert sind: bis zur Höhe von etwa 1,50 Meter kreisrund aus Steinen aufgeschichtet und darüber mit einem Spitzdach aus Ästen und Blattwerk gegen die Witterung abgedeckt. Rückenprobleme hat der drahtige 34-Jährige jetzt schon.

Bei Barumini findet sich eine der am besten erhaltenen Steinbauten im Süden Sardiniens, die "Su Nuraxi".

Bei Barumini findet sich eine der am besten erhaltenen Steinbauten im Süden Sardiniens, die „Su Nuraxi“.

Zwischen den Steinbauten der Nuraghe "Su Nuraxi" bei Barumini wirken die Menschen klein.

Zwischen den Mauern von „Su Nuraxi“ wirken die Menschen klein.

Es dürften noch mehr werden. Wenn schon, denn schon, mag sich Ollanu gedacht haben, als er sich das Vorbild für seinen Plan ausgesucht hat: Es ist die große Nuraghe „Su Nuraxi“ im nur wenige Kilometer entfernten Barumini, eine der am besten erhaltenen Beispiele für die steinerne Siedlungsform, die seit 1997 als Unesco-Kulturerbe ausgezeichnet ist. Kurz unterhalb des heute noch etwa 15 Meter hohen Bergfrieds, dem Zentrum der Nuraghe, erschließt sich aus der Höhe das Ausmaß der Pläne Ollanus. Wie konnten Menschen leben zwischen diesen schwarz-braun-grünen aufgeschichteten Steinen, glatt und finster, jeder so schwer und halb so groß wie ein Zementsack?

 

Im Inneren von "Su Nuraxi". Wie konnten zwischen diesen finsteren Steinen über Jahrhunderte nur Menschen leben?

Im Inneren von „Su Nuraxi“. Wie konnten zwischen diesen finsteren Steinen über Jahrhunderte nur Menschen leben?

Vom Bergfried aus führen im Inneren schmale Gänge zu den vier Außentürmen, die später mit einer Ringmauer miteinander verbunden wurden. Ein zweiter Ring aus sieben vorgelagerten Türmen macht die Nuraghe vollends zur Festung, die zum Zentrum hin immer feindseliger und undurchdringlich wirkt. Die Menschen, die in den Rundhäusern außerhalb des äußersten Turmrings lebten, mussten auf diesen Schutz verzichten. Wer heute zwischen den abweisenden Wänden entlang geht, kommt sich klein und verloren vor. Die Punier sollen es gewesen sein, die „Su Nuraxi“ um 600 vor Christus eroberten und zerstörten. In Teilen wurde die Steinsiedlung bis ins Mittelalter bewohnt.

Über Jahrhunderte sind die Steinblöcke für die Nuraghe von der Giara-Hochebene geholt worden. Dort leben bis heute die einzigen wilden Pferde Europas.

Über Jahrhunderte sind die Steinblöcke für die Nuraghe von der Giara-Hochebene geholt worden. Dort leben bis heute die einzigen wilden Pferde Europas.

Die Ruinenstätte ist so gut erhalten, dass sie allein dazu dienen könnte, die Nuraghe-Kultur sichtbar zu machen. Doch Ollanu will mehr. Kein Disneyland, verspricht er, davon haben ihm Archäologen abgeraten. Eher schwebt ihm ein Nachbau vor, an dem viele Menschen in Sardinien teilhaben könnten. So wie im französischen Guédelon in Burgund, wo Handwerker eine Burg aus dem 13. Jahrhundert mit den Methoden und Materialien früherer Jahrhunderte errichten. „Das haben sich die Menschen bis dahin nicht vorstellen können“, sagt er. Auch von Meßkirch im Allgäu hat er schon gehört, wo sich eine Schar von Freiwilligen an einem Kloster-Neubau versucht, der sich an den Plänen von St. Gallen in der heutigen Schweiz orientiert. Warum sollte ihm Ähnliches nicht auch gelingen, fragt er sich? Schließlich ist auch das Fundament der Azienda aus unverbundenen Steinen gelegt. 

Fernab von den touristischen Hochburgen Sardiniens. Weizen, etwas Oliven und Wein, das sind die wichtigsten landwirtschaftlichen Produkte der Marmilla.

Fernab von den touristischen Hochburgen Sardiniens. Weizen, etwas Oliven und Wein, das sind die wichtigsten landwirtschaftlichen Produkte der Marmilla.

Die Region jedenfalls könnte eine solche Anziehungspunkt vertragen. So idyllisch, ruhig und erholsam Gergei liegt: Jugendliche verlassen das Dorf, weil sie keine Arbeit finden. Ihnen will Ollanu eine Perspektive geben. Er sieht sich als „Wächter“ einer Kultur, die Sardinien über Jahrtausende geprägt hat und über die man im Grunde nicht viel weiß. Die Menschen auf Sardinen „sollen wissen, woher sie kommen“, sagt er.  Der „Schatz“ der Nuraghe-Kultur, neu entdeckt, könnte ihnen eine Chance geben, am Fortschritt des Tourismus teilzuhaben. Hat der Bau von „Su Nuraxi“ erst einmal begonnen, „dann kommen die Leute.“ 

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