Die nationale Fahrradstrecke mit der „Neun“ weist den Weg durch Dänemark. Die Karte erleichtert die Orientierung.

Knapp 700 Kilometer lang ist der Radfernweg vom Tivoli in Kopenhagen bis zum Reichstag in Berlin. Impressionen von einer Reise durch den Sommer im Süden Dänemarks, Mecklenburg und Brandenburg.

Seit zwei Stunden schon bläst mir der Wind ins Gesicht. Am schlimmsten ist es kurz hinter der Brücke von Kalvehave in Richtung Stege auf der dänischen Insel Mön. So heftig ich in die Pedale trete, so wenig scheint der nächste Bakken, wie die leichten Erhebungen heißen, näher zu kommen. Wenn doch endlich der leichte Knick nach links erreicht wäre, damit der Wind mich ein wenig mehr von der Seite packt und das Rad nicht mehr so mit ganzer Kraft nach hinten schiebt und ich meinem Ziel Berlin doch ein Stück näher komme. Seit drei Tagen, seit dem Start in Kopenhagen, weist mir die Ostsee jetzt die Richtung. Das hat schon angefangen, als ich mein Rad in einem Laden in einem Vorort von Kopenhagen abgeholt habe.

Klatschmohn in einem Feld nahe Praesto.

Boote schaukeln im Hafen von Bröndby nahe Kopenhagen.

Wie ich denn jetzt in die Stadt kommen, frage ich den Mechaniker, der mir Sattel und Bremsen des Leihrads einstellt. „Vorne rechts“, sagt er, „und dann wieder rechts und dann immer am Meer lang.“ Das ist einfach, und es funktioniert auch, als ich erst einmal aus den Straßen der dänischen Hauptstadt heraus bin, am Tivoli vorbei, über den Meeresarm, der die Stadt teilt, an den Vororten und der S-Bahn entlang, wieder hinüber nach Bröndby. Hinter vorgelagerten Inseln haben die Städter hier ihre Boote liegen. Sie dümpeln vor sich hin, ein paar Sonnenhungrige liegen am Strand.

Genau hier beginnt der Urlaub. die Entspannung, das Gefühl unterwegs zu sein. Es geht immer der „Neun“ nach. Das blaue Schild markiert den nationalen Radweg von Kopenhagen bis nach Gedster, dem Fährhafen auf der Insel Falster. Oft geht es direkt an der Ostsee entlang; die menschenleeren Strände sind nur wenige Meter hinter einem Damm verborgen. Immer wieder zeigt die „Neun“ auch ein Stück ins Landesinnere. Dann passiere ich kleine Dörfer, fahre an Fachwerkhäusern vorbei, bunt bemalt und mit Reet gedeckt. Wenn mir danach ist, schlafe ich eine halbe Stunde am Strand. Ich bin allein. Wer sollte mich hier stören oder mein Rad klauen?

Die Abendsonne lässt das Meer bei Köge strahlen.

Boote in der Abendsonne im Hafen von Praesto.

Der Wind steht günstig. Die Blätter des wilden Rhabarber an den Rändern der Getreidefelder zeigen mir ihre Unterseite, die Ähren, Kornblumen und Mohn neigen sich in Fahrtrichtung. Schwierig wird es erst später, als die Rotoren der Windkraftanlagen in meine Richtung schauen. Das bedeutet Gegenwind. Sie produzieren Strom, und mir geht langsam der Saft aus, denke ich. „Trösten Sie sich“, sagt die Wirtin des Tiendegaarden, eines ehemaligen Zehnthofs mitten auf der Insel Mön, als ich ihr am Abend des dritten Tages mein Leid klage. „Neun von zehn Radfahrern sagen, dass sie Gegenwind hatten, egal aus welcher Richtung sie kommen.“

Kraft habe ich mittags schon in dem kleinen Hafenort Stege getankt bei Smörrebröd mit Lachs, Käse und Roastbeef, eine Delikatesse. Köge, Praesto, Stege und Nykobing sind die städtischen Stationen auf meiner Tour. Es geht beschaulich zu auf Markplätzen mit ihren Backsteinbauten und wehrhaften Kirchen. In Praesto, abends am Hafen, als sich das flache Gegenlicht beinahe lila im Meer bricht, treffen sich die Motorradfahrer der Region, bewundern gegenseitig ihre Chopper und drehen am Gashahn. Nicht einmal das stört die Idylle. In Köge genießen ein halbes Dutzend junger Leute mit mir das Farbenspiel eines Bilderbuch-Sonnenuntergangs.

Abenstimmung im Hafen von Praesto. Das Licht bricht sich in den Masten der Boote.

Ein Sommertag in Warnemünde. Kein Durchkommen mehr zum Meer.

Sanierte Bürgerhäuser in der Altstadt von Rostock.

Mich packt ein Schock, als ich mit der Autofähre an Warnemünde vorbei in den Hafen von Rostock einlaufe. Der feine Sand rund um den „Teekessel“, einen flachen, geschwungenen Gastronomie-Bau aus DDR-Zeiten, ist schwarz von Menschen. Der Badeort ist gesperrt. Bei Temperaturen über 40 Grad suchen Zehntausende Erholung. Kein Auto wird mehr hineingelassen.

Doch gleich hinter der Stadtgrenze sind Hitze und Menschenmassen wieder vergessen. Schäfchenwolken treiben über die riesigen gelben Felder. „Strecke machen“ wird wichtig, um rechtzeitig nach Berlin zu kommen, wo der Flieger wartet. Ich muss achtgeben, dass ich die Sehenswürdigkeiten am Wegrand nicht verpasse. Den stillen Marktplatz von Güstrow an einem Sonntagmorgen zum Beispiel, über den Helmut Schmidt im Dezember 1981 gemeinsam mit Erich Honecker schlenderte, um die Auslagen an den Weihnachtsständen zu bewundern. Die Stasi hatte das Angebot arrangiert. Oder den Dom abseits des Zentrums, wo der Engel, ein bildhauerisches Meisterwerk von Ernst Barlach, über dem Taufbecken schwebt.

Immer wieder müssen Radler in Mecklenburg lange Kopfsteinpflasterstrecken passieren. Dann heißt es: Lenker festhalten!

Schäfchenwolken, Getreide, Klatschmohn: Sommer in Mecklenburg.

Kurz hinter Waren, östlich des Müritz-Nationalparks, beginnt das Mecklenburg, von dem die Leute sagen, dass man hier nachts den Mond raushängt, damit niemand behaupten kann, hier lebe man hinter demselben. Stillgelegte Bahngleise, immer wieder ein halbes Dutzend Häuser, Kreisstraßen mit einem Grasstreifen in der Mitte, über die in anderen Teilen Deutschlands höchstens Trecker holpern, und immer wieder Kopfsteinpflaster der gröbsten Art – ein Deutschland wie vor 60 oder 70 Jahren empfängt mich. Niemand, der stört, wenn man mittags die Radklamotten ablegt, um ein paar Runden in einem See zu drehen. Oft ist der Fernradweg nicht mehr als ein handtuchbreiter Pfad im Wald, es geht buchstäblich über Stock und Stein.

Etwa ab Neustrelitz geben die Havel und ihre Kanäle die Richtung vor. Mehr und mehr begegne ich Radfahrern, die mit Gepäck von Berlin aus aufgebrochen sind. Auf Brücken beobachten sie mit mir gemeinsam, wie sich Kanu-Wandergruppen, schicke Yachten und klapprige Motorboote durch die Durchlässe und Schleusen der Seenlandschaft vorwärts bewegen. Zeit und Muße scheinen sie alle zu haben, das haben sie mit den Radlern gemeinsam. „Herrgottswinkel “ würde man in Bayern sagen. Der Übergang zu den ersten Vororten Berlins ist fließend. Die Stadt ist nur noch zwei Fahrstunden entfernt, doch immer noch fahre ich an Seen entlang. Halbnackte Menschen dösen auf ihren Booten; Kinder springen über einen Steg zwischen Schilf ins Wasser. In Spandau verfahre ich mich mal wieder, zum ungezählten Mal. Zwischen dem Verkehr auf den Zubringerstraßen erreiche ich wieder die Havel. Dann trudele ich an den Schrebergärten des Flusses entlang, die beinahe bis zum Reichstag reichen, meinem Ziel. Noch schnell ein Selfie. Ich kann kaum glauben, dass es vorbei sein soll.

Radfahrer an der Havel bei Neustrelitz.

Der Abschluss einer Radreise durch den Sommer in Dänemark und Mecklenburg: ein Selfie vor dem Reichstag.

Kajaks warten an einer Schleuse an der Havel auf das Signal zur Durchfahrt.

Sonnenuntergang in Nykobing.

Überall Seen. Beinahe hinter jeder Kurve bietet sich die Gelegenheit zu einem spontanen Bad.

Schloss Güstrow am Rande der gleichnamigen Kleinstadt in Mecklenburg-Vorpommern.

0 Kommentare

Einen Kommentar abschicken

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.